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Arbeiten in der Pflege: Mehr Freizeit, weniger Fremdbestimmung

Angenehmere Arbeitszeiten könnten Gesundheitsberufe wieder attraktiver machen. Studie der Hochschule Fresenius zum Fachkräftemangel und der Work-Life-Balance in der Gesundheitsbranche.

Senioren im Rollstuhl gibt jungem Pfleger ein High Five.
© Kzenon | Fotolia.com

Das deutsche Gesundheitswesen kämpft mit dem Mangel an qualifizierten Fachkräften. Das ist keine neue Erkenntnis, wird aber durch eine aktuelle Studie* des Fachbereichs Gesundheit & Soziales an der Hochschule Fresenius nochmals eindrucksvoll unterstrichen: von den knapp hundert Befragten aus unterschiedlichen Berufen in der Branche gaben knapp 42 Prozent an, dass „wir schon mitten in den größten Schwierigkeiten stecken" und eine adäquate Patientenversorgung bald nicht mehr möglich ist, wenn es weitergeht wie bisher. Weitere 40 Prozent sehen es noch nicht ganz so dramatisch, spüren aber, dass sich der Fachkräftemangel allmählich bemerkbar macht und „wir etwas tun müssen", um nicht in Zukunft „ein Problem zu bekommen". Demgegenüber stufen nur 17,4 Prozent die Lage als „nicht so kritisch" ein. 1,2 Prozent bewerten die Diskussion als „Panikmache in den Medien". Geht es um die Ursachen für den Fachkräftemangel, wird meistens der demographische Wandel genannt. Dieser allein wäre aber gar nicht das Problem, wenn trotzdem genug junge Menschen einen der vielen Gesundheitsberufe ergreifen würden. Sind diese nicht mehr attraktiv genug? Natürlich spielen finanzielle Argumente eine gewichtige Rolle – doch wie steht es in Deutschland eigentlich um die Work-Life-Balance** der Angestellten in der Branche? Auch dieser Frage ging die Hochschule Fresenius nach.

Mehr Geld gleich mehr Zufriedenheit – auf diese einfache Formel lässt die Situation der Arbeitnehmer in der Gesundheitsbranche nicht reduzieren. Zwar sind etwa 86 Prozent der Teilnehmer der Fresenius-Studie der Ansicht, dass die Verdienstmöglichkeiten verbessert – oder zumindest andere Maßnahmen etabliert werden sollten, um den Fachkräftemangel in der Branche einzudämmen. Knapp 62 Prozent*** sagen aber eben auch, dass angenehmere Arbeitszeiten und eine gute Atmosphäre am Arbeitsplatz Gesundheitsberufe attraktiver machen würden. Ein denkbarer Ansatz steckt laut der Studie aber auch in der Schaffung neuer Berufe, die wichtige Schnittstellenfunktionen übernehmen könnten – diese Antwortmöglichkeit erreichte 32,6 Prozent. Ein Beispiel hierfür ist der Physician Assistant, der im angelsächsischen Ausland längst etabliert, in Deutschland aber erst allmählich im Kommen ist. Zusätzliche Weiterbildungsmöglichkeiten für bestehende Fachkräfte sehen sieben Prozent als geeignete Maßnahme an.

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© Hochschule Fresenius, 2015

Viele fühlen sich sehr gestresst

Zeit für sich selbst und nicht permanent das Gefühl der Fremdbestimmtheit zu haben, sind wichtig für geistige Frische, Motivation und damit auch für eine positive Einstellung Beruf und Arbeitgeber gegenüber. Herrscht ein Mangel an diesen Faktoren, wird es nicht lange dauern, bis Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit nachlassen. Die Forderung nach einer besseren Atmosphäre und angenehmeren Arbeitszeiten führt zu der Frage: „Haben Sie das Gefühl, ausreichend Zeit in Ihrem Leben zu haben?" Die Antwort richtet sich nach der subjektiven Empfindung des Einzelnen. Wenn es um die „Work-Life-Balance" geht, steht die individuelle Beurteilung im Mittelpunkt der Betrachtung und jeder empfindet die Situation am Arbeitsplatz anders.

Wer die Studie der Hochschule Fresenius zur Hand nimmt, muss alarmiert sein: Knapp ein Fünftel der Befragten steckt offenbar in einer prekären Situation und sagt: „Überhaupt nicht. Ich bin immer abgehetzt und zeitlich verplant. Vieles bleibt auf der Strecke." Die große Mehrheit (73,9 Prozent) schafft zwar immer alles, was sie sich vornimmt, ist aber „oft sehr gestresst und ausgelaugt." Nur acht Prozent kennen Stress und Zeitmangel nicht. Unter diesem Arbeitsalltag mit erhöhtem Druck leidet offensichtlich auch die schönste Zeit des Jahres. Über die Hälfte der Befragten hat Schwierigkeiten, sich richtig zu erholen: 4,6 Prozent kommen nicht dazu, Urlaub zu machen, 2,3 Prozent können nicht abschalten, denken dauernd an die Arbeit und haben ihr Laptop stets bei sich. 45,5 Prozent brauchen zumindest einige Tage, bis sich das erste Erholungsgefühl einstellt. Fast die gleiche Zahl kann „relativ schnell" abschalten, auch wenn es vorher stressig war, knapp 5 Prozent haben keinerlei Probleme.

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© Hochschule Fresenius, 2015

Wunsch nach mehr Freizeit

Stichwort Erreichbarkeit: Der technische Fortschritt sorgt dafür, dass ein Arbeitnehmer permanent erreichbar ist – wenn er nicht selbst Vorsorgemaßnahmen ergreift – indem etwa das Smartphone zu Hause oder unterwegs weitgehend abgeschaltet bleibt. Das macht aber nur eine Minderheit, lediglich ein Fünftel der im Rahmen der Fresenius-Studie Befragten gab zu Protokoll, dass sie ausschließlich während der Arbeitszeit erreichbar seien. Gut die Hälfte steht komplett freiwillig auch außerhalb der Arbeitszeit zur Verfügung, und weitere 19 Prozent finden die Erreichbarkeit an jedem Ort und zu jeder Zeit zumindest in Ordnung. Knapp zehn Prozent gaben aber auch an, dass sie „gezwungenermaßen" permanent verfügbar seien. Bleibt noch die Frage nach der „Work-Life-Balance" im engeren Sinne – wie lassen sich Beruf und das Familien- oder Privatleben miteinander vereinbaren? In diesem Punkt ergibt sich ein klares Bild, mit entsprechenden Abstufungen wünschen sich 84 Prozent der Arbeitnehmer mehr Freizeit und nur 16 Prozent erachten das Verhältnis aktuell für „ideal". Immerhin die Hälfte der Studienteilnehmer hält das Verhältnis zwischen Berufs- und Privatleben für „in Ordnung", ein weiteres Drittel hält es für „tolerierbar", obwohl nicht viel freie Zeit zur Verfügung steht. Gut fünf Prozent beklagen, dass sie „eigentlich keine Zeit für Freizeitaktivitäten" haben.

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© Hochschule Fresenius, 2015

 

* Die Hochschule Fresenius in Idstein führte über einen Zeitraum von zwölf Wochen (Dezember 2014 bis Februar 2015) die Studie „Nachgefragt – Gesundheitsberufe im Wandel" durch. An der Befragung, die ausschließlich online durchgeführt wurde, nahmen 96 Vertreter der Gesundheitsbranche teil, aus unterschiedlichen Berufen. Insgesamt wurden zehn Fragen gestellt. Zentrales Thema der Umfrage war die „Work-Life-Balance" von Menschen, die im deutschen Gesundheitswesen tätig sind. Daneben wurde auch auf den Fachkräftemangel im deutschen Gesundheitswesen eingegangen

** Das Konzept der Work-Life-Balance betrachtet die Komponenten Arbeits-/Berufsleben („Work") sowie Privat-/Familienleben („Life") und deren Zusammenspiel. Insgesamt geht es darum, welchen Erlebenszustand die Befragten haben und ob dieser unter Zugrundelegung von Aspekten aus beiden Bereichen positiv oder negativ ist.

Die Studie erhebt keinerlei Anspruch auf Repräsentativität, spiegelt aber Meinungstendenzen in der Gesundheitsbranche wider.

*** Mehrfachnennungen waren ausdrücklich erwünscht

Quelle: Alexander Pradka / Hochschule Fresenius, 2015

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