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Mangelhafte Hygiene durch kontaminierte Handschuhe

Wenn ein Krankenpfleger bei der Eröffnung einer Abszedierung an der Hand einer Patientin Handschuhe trägt, mit denen er zuvor die Türklinke des Krankenzimmers berührt hatte, stellte das einen (einfachen) Hygienemangel dar, der für sich allein genommen nicht zu einer Beweislastumkehr führt. So die Feststellung des OLG Hamm vom 17.8.2015 (Az.: 3 U 28/15).

© Chris / Fotolia.com


Ende Dezember 2011 wurde Klägerin wegen starker Schmerzen infolge einer Rückenblockade per Notarzt in das beklagte Krankenhaus eingewiesen. Über die Labordiagnostik konnten Anzeichen für einen Entzündungsvorgang festgestellt werden; eine nachfolgende Kernspinuntersuchung der Wirbelsäule blieb diesbezüglich ergebnislos.

Der Klägerin wurde zunächst die Gabe eines Schmerztropfs angeordnet. Zu diesem Zwecke wurde ihr auf dem linken Handrücken ein Venenverweilkatheter angelegt. Am 2. Januar 2012 klagte die Klägerin über Beschwerden am linken Unterarm im Bereich der Kanüle, woraufhin diese entfernt wurde. Später zeigte sich im Bereich der Einstichstelle eine Rötung, die mittels eines Salbenverband behandelt wurde. Am Folgetag hatte sich an der Einstichstelle eine kleine Absezdierung gebildet.

Daraufhin wurde eine Antibiose, die Fortsetzung der Salbenbehandlung sowie die Eröffnung der Abszedierung angeordnet. Letztere erfolgte später durch den pflegerischen Stationsleiter.

Auch nach ihrer Entlassung blieb die Klägerin nicht beschwerdefrei. In der Folgezeit wurde sie deshalb bei ihrem Hausarzt, bei einem Orthopäden sowie in einem anderen Krankenhaus vorstellig. Am 25. Januar kam es erneut zu einer notfallmäßigen Klinikaufnahme. Ein MRT zeigte eine Spondylitis LW 3/4 mit Destruktion der Abschlussplatten und beginnender Liquifizierung der Bandscheibe. In der Blutkultur wurde der Erreger Staphylococcus aureus nachgewiesen.

Vorwurf: Unhygienische Arbeitsweise

In der Schadenersatzverhandlung vor dem Landgericht Dortmund behauptete die Klägerin u.a. dass unhygienisch gearbeitet worden sei, sodass der Erreger in ihren Körper habe eindringen können. Bei der Eröffnung der Abszedierung am 4. Januar 2012 sei dem Pfleger die Kanüle auf den Boden gefallen. Er habe sie mit den Handschuhen, die er bereits angehabt habe, aufgehoben und weiterverwenden wollen. Auf ihren Protest habe er den Raum verlassen und sei dann mit den gleichen Handschuhen, mit denen er zuvor die Nadel aufgehoben und später die Türklinke angefasst habe, wieder hereingekommen und habe die Abszedierung dann aufgestochen und ausgedrückt.

Das Landgericht hat die Klage abgewiesen (Az.: 4 O 195/12). Hiergegen hatte die Klägerin Berufung vor dem Oberlandesgericht Hamm eingelegt.

Im Ergebnis nur ein einfacher Hygienemangel

Das Oberlandesgericht konnte einen Behandlungsfehler nur im Rahmen der am 4. Januar 2012 durchgeführten Abszedierung feststellen.  Diese ist, so die Richter, insoweit fehlerhaft erfolgt, als der die Abszedierung eröffnende Pfleger hierbei Handschuhe getragen hat, die durch das zuvor erfolgte Anfassen der Klinke der Tür des Krankenzimmers der Klägerin kontaminiert waren. Der Senat geht davon aus, dass der Pfleger die Handschuhe bereits beim abermaligen Betreten des Krankenzimmers der Klägerin getragen und jedenfalls mit der linken Hand die Türklinke berührt hat. Hingegen ist es nicht feststellbar, dass es sich bei den benutzten Handschuhen auch um diejenigen gehandelt hat, mit denen der Pfleger zuvor die erste heruntergefallene Kanüle vom Boden aufgehoben hatte.

Aber: Soweit ein Behandlungsfehler vorzuwerfen ist, kann jedoch nicht die Feststellung getroffen werden, dass dieser Fehler für einen Gesundheitsschaden der Klägerin, insbesondere die später diagnostizierte Spondylodiszitis, ursächlich geworden ist.

Die Beweislast für die Kausalität zwischen dem Behandlungsfehler und den geltend gemachten gesundheitlichen Beeinträchtigungen trifft grundsätzlich die Klägerin. Diesen Beweis kann diese jedoch nicht führen. Eine Beweislastumkehr nach den Grundsätzen über den groben Behandlungsfehler kommt der Klägerin nicht zugute, da der festgestellte Verstoß nicht als grob bewertet werden kann.

Für den Senat liegt es auf der Hand, dass ein Verstoß gegen den hygienischen Standard umso schwerer wiegt und umso unverständlicher ist, je höher das Infektionsrisiko und je gravierender die Folgen einer möglichen Infektion sein können. Bezüglich des hier in Rede stehenden Fehlers handelt es sich um eine Tätigkeit der untersten Risikogruppe: Es ist sehr unwahrscheinlich, dass gegen den bei der Eröffnung ausströmenden Eiter etwas in die Wunde gelangt und gravierende Folgen nach sich zieht. Dies ist auch dann nicht wahrscheinlich, wenn die – im Übrigen von vornherein nur bakterienarmen, aber nicht sterilen – Handschuhe durch das Berühren der Türklinke zusätzlich kontaminiert worden sind.

Auch deshalb konnte im Ergebnis der unterlaufene Verstoß gegen die Hygienestandards nicht als ein schlechterdings unverständliches Fehlverhalten bewertet werden.

Nach alledem war die Klage abzuweisen.

Quelle: Redaktion Rechtsdepesche, siehe auch: RDG November/Dezember 2015, S. 289 ff.

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